Tagesablauf in der Praxis in Mostar
Erwachen um 6 Uhr, noch schläft Mostar, später werden die Menschen vom Imam zum Gebet gerufen. Eine kurze Dusche, eine Tasse Tee, dann beginne ich mit den Akten der Patienten, die heute zur Folgekonsultation kommen. Polaroidfotos ermöglichen mir ein Bild, wie es zu Beginn der Behandlung aussah, heute sind es 10 Follow ups, 10 Akten mit bis zu 30 Seiten Geschichte und Leid. Hier lerne ich die Arbeit meiner Vorgänger schätzen, jeder arbeitet in seinem unverwechselbaren Stil.
Es ist schnell 8 Uhr. Ich werde von meinem Assistenten (bevor Homöopathen als verantwortliche Behandler in Mostar arbeiten, sollten sie einmal zumindest als Co-Pilot dabeigewesen sein) zum Frühstück gerufen. Wir sitzen draußen auf dem Hof in der Sonne; die wichtigsten Tagesdaten werden zwischen Brot, Kaffee und Patientenmarmelade ausgetauscht, den Blick auf den Fluß Neretwa. Wir genießen die Ruhe vor dem Sturm.
Um 8.30 Uhr kommt Nermin, unser Übersetzer, mit den neusten Witzen gutgelaunt, danach die Assistentin für den heutigen Vormittag. Heute werden es 2 bis 4 Neuaufnahmen, genau wie gestern, wie morgen, wie immer. Täglich kommt es anders, als es geplant ist: Heute erscheint die Neuaufnahme für 9 Uhr nicht, dafür um 9.15 eine Patientin, die akut behandelt werden muß. Die Zeit reicht gerade aus.
Bis 13 Uhr sehe ich mit Assistenten und Übersetzer Patienten zu Folgeterminen. Immer mit den Erklärungen warum das eine oder andere Mittel verordnet wurde, Differentialdiagnosen zu Folgemitteln und Antworten auf Fragen, die aufgekommen sind. Die Augen leuchten, hier wird live unterrichtet - learning by assisting and understanding. Um 14 Uhr sieht der Assistenzplan die Ablösung vor.
Mir bleibt eine Stunde Mittagspause mit Jürgen, wir eilen in unser Lieblingscafe zu Kaffee und Burek. Um 14 Uhr geht es in der Praxis weiter. Die Menschen drücken ihre Dankbarkeit (die Behandlung ist kostenlos) durch selbstgebrannten Schnaps und Speisen aus. Heute mittag bringt unser Assistent (er ist doppelt so alt wie ich) eine gigantische Platte mit Käsebureks mit, herrlich selbstgebacken. Sein Diabetes hatte sich innerhalb von 2 Tagen durch das passende homöopathische Mittel normalisiert. Wer sagt, daß die Mittel langsam wirken? Wir freuen uns alle mit ihm.
18.30 Uhr ist mein normaler Arbeitstag so gut wie vorbei. Momente der Freude über Besserung und Heilung wechselten mit tiefer Betroffenheit, Tränen, nicht nur beim Patienten. Wir haben gelacht, wir haben geweint, es war ein guter Tag. Ich arbeite bis 20 Uhr die Akten der Neuaufnahmen durch, begründe meine Verordnung für die folgenden Kollegen und dann muß ich raus auf die Straßen dieser Stadt, laufen, laufen, laufen… all diese Menschen, Mittelmeerklima, unzählige Staßencafes.
Mit Jürgen geht es zum Essen, endlich kaltes Bier, die Währung hier ist DM! Bis um 23 Uhr tauschen wir unsere Eindrücke aus, dann falle ich aus den Schuhen direkt ins Bett und erwache wieder um 6 Uhr. Am Wochenende steht Unterricht auf dem Plan von 9 bis 18 Uhr, ab und zu eine Einladung von Patienten oder Schülern und wie im Fluge sind meine zwei Wochen für dieses Mal vorbei. Im Flieger der Air Bosnia freue ich mich auf zu Hause und auf das nächste Mal in Mostar: Ich liebe diesen Job und meinen Platz in diesem einmaligen Team aus homöopathischen Ärzten und Heilpraktikern.
Manfred Braig







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